Investor AB: Das schwedische Berkshire Hathaway


“Esse non videri – Sein, nicht Scheinen“
– Motto der Wallenberg-Dynastie
Dynastien.
Sie tragen eine gewisse Mystik in sich.
Denk an Namen wie Rockefeller, Vanderbilt oder Rothschild — Familien, deren Reichtum und Einfluss nicht nur ganze Industrien geprägt, sondern auch Politik, Wirtschaft und ganze Nationen mitgestaltet haben. Sie häuften in ihren aktiven Zeiten riesige Vermögen an und — vielleicht noch beeindruckender — gaben sie diese an die nächste Generation weiter. Keine kleine Leistung. Denn wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann das: Nachfolge ist der härteste Teil beim Aufbau einer Dynastie.
Erinnerst du dich noch an das Achämenidenreich unter Kyros dem Grossen? Oder an die Geschichte der Han-Dynastie? Beide gehören zu den mächtigsten Dynastien, die die Welt je gesehen hat. Und doch standen auch sie — wie alle Reiche — vor derselben Herausforderung: Kontinuität.
Apropos Dynastien: Lust, sich in einer zu verlieren? Unser Book Club bietet eine Auswahl.
Im Gegensatz zu diesen gefallenen Imperien haben es einige wenige Dynastien geschafft, die Kunst der Neuerfindung zu meistern — und ihr Erbe Generation für Generation weiterzutragen. In Schweden gibt es eine solche Dynastie, die das Land im Stillen selbst mitgeprägt hat. Inzwischen in der fünften Generation, mit der sechsten bereits in den Startlöchern, ist diese Familiendynastie quicklebendig. Die Familie? Die Wallenbergs.
Der Spitzname für ihr Imperium? Das schwedische Berkshire Hathaway.
Der Name des Unternehmens?
Investor AB.
Chart 1: Familie Wallenberg – Vom schwedischen Bankwesen zur globalen Industrie-Dominanz

Jedes Land hat seine Dynastien.
In Schweden? Es sind die Wallenbergs.
Seit über 160 Jahren prägt diese Familie still und leise das Schicksal der Nation. Ihr Einfluss reicht so tief, dass die Schweden scherzhaft sagen: „Wallenbergare äta först“ — „Die Wallenbergs essen zuerst.“
Und doch sieht man sie selten im Rampenlicht.
Keine protzigen Yachten, keine Boulevard-Skandale, kein Medienrummel. Stattdessen agieren sie im Hintergrund — mit ruhiger Hand ziehen sie die Fäden von Industrie, Politik und Philanthropie In der Villa Täcka udden auf Djurgarden (siehe heutiges Cover). Schätzungen zufolge kontrollierte die Wallenberg-Sphäre zeitweise fast ein Drittel des schwedischen BIP über ihr Unternehmensnetzwerk.
Wie?
Im Zentrum steht Investor AB, gegründet 1916, um die Familienbeteiligungen zu bündeln. Oft als das schwedische Berkshire Hathaway bezeichnet, ist es heute das grösste Investmentunternehmen des Landes mit einer Marktkapitalisierung von fast 100 Mrd. USD.
Über Investor AB haben die Wallenbergs nicht nur in Firmen investiert — sie haben nationale Champions aufgebaut und so den Aufstieg Schwedens zur globalen Industrienation abgesichert.
Die Dimensionen?
Der Clou: Die Wallenbergs selbst besitzen nichts direkt.
Alles ist in Stiftungen gebündelt.
Sie sehen sich als Treuhänder, nicht Eigentümer — eine Struktur, die dynastische Machtkämpfe verhindert und seit sechs Generationen Kontinuität garantiert. Noch wichtiger: Sie hat das Geben institutionalisiert. Gewinne werden nicht nur reinvestiert, sondern auch systematisch in Forschung, Wissenschaft und Innovation gelenkt.
Die Wallenbergs sind nicht nur Industriearchitekten.
Sie sind in einem sehr realen Sinn Nation Builder.
Das Wallenberg-Modell (Chart 2)
Und das führt uns zu ihrem eigentlichen Geheimnis.
Es geht nicht nur um was sie besitzen.
Sondern wie sie es besitzen.
Chart 2: Die Struktur des Wallenberg-Modells

Also, was ist das Rezept hinter dem Erfolg dieser Dynastie?
Investor AB jagt keinen Trends und handelt keine Quartals-Schlagzeilen. Ihr Modell ruht auf drei zeitlosen Säulen: solide Unternehmen, geduldig sein und niedrige Verschuldung (Chart 3).
Nehmen wir Atlas Copco.
Als Investor AB vor rund 100 Jahren einstieg, war es ein strauchelndes Industrieunternehmen mit unklarer Zukunft. Heute zählt es mit einer Marktkapitalisierung von 80 Mrd. USD zu den grössten schwedischen Konzernen.
Oder Ericsson.
Das Unternehmen stand nach dem Kreuger-Crash 1932 — einem gigantischen Finanzbetrug, der die globalen Märkte erschütterte — kurz vor dem Aus. Die Wallenbergs griffen ein, sanierten die Bilanz und machten Ericsson zu einem Telekom-Weltmarktführer.
Jüngeren Datums: EQT.
1994 innerhalb von Investor AB gegründet, ist EQT heute ein 45-Mrd.-USD schwerer Private-Equity-Gigant — immer noch teilweise im Besitz von Investor AB.
Dann haben wir SEB, die Familienbank, mit der alles begann — Investor AB hält noch immer 21 %. Und nicht zu vergessen die 14,4 % an ABB, dem schweizerisch-schwedischen Weltkonzern.
Das Muster ist eindeutig: Sie liefern nicht nur Kapital. Sie liefern Stabilität, Governance und Talent.
In ihrer Welt ist der CEO der Most Valuable Player. Sie platzieren ihn mit Bedacht, begleiten ihn im Hintergrund — und lassen ihn liefern.
Für uns bei arvy ist das „Good Story & Good Chart“ in Reinform — wenn auch mit einer deutlich aktiveren Hand, als wir sie nehmen würden (oder könnten ;-)). Sie unterstützen fundamental starke Unternehmen mit einer Story, die Jahrzehnte trägt („Good Story“). Und mit der Zeit belohnt der Markt diese Disziplin mit steigenden Kursen („Good Chart“).
Die Philosophie von Investor AB:
Oder wie es Jacob Wallenberg (Chairman von Investor AB) formuliert: „Die Langfristigkeit besteht auch aus vielen Kurzfristigkeiten. In jeder einzelnen musst du liefern.“
Die Lehre?
Investor AB ist nicht einfach ein Investor. Sie sind Architekten von Industrien.
Und das führt uns zur nächsten natürlichen Frage.
Was hat diese Philosophie in Zahlen geliefert
Chart 3: Wallenberg Holdings 2015 (heute, ohne SAS)

Wenn du einen Beweis willst, dass Geduld sich auszahlt, dann schau nicht weiter als zu Investor AB.
Seit dem Börsengang 1919 hat das Unternehmen eine unglaubliche 160 000-fache Rendite erzielt — das entspricht einer annualisierten Rendite von 13 % über mehr als ein Jahrhundert, durch Kriege, Krisen, Blasen und Pandemien hindurch.
Das Geheimnis?
Long-Term Horizon Arbitrage.
Investor AB handelt keine Quartale — sie denken wie Eigentümer. Du kaufst keine Aktie, du kaufst ein Unternehmen. Mit dieser Denkweise wird Geduld zum Wettbewerbsvorteil, der Zinseszinseffekt übernimmt die schwere Arbeit, und Benchmarks sind irrelevant. Anstatt Indizes nachzujagen, konzentriert sich Investor AB auf Unternehmen und ihr langfristiges Potenzial - denn letztendlich folgen die Aktienkurse den starken Fundamentaldaten.
Dieses Eigentümer-Denken erklärt auch, wie Investor AB mit Zyklen umgeht.
Die starke Ausrichtung auf Industrie, Engineering und Tech sorgt dafür, dass sie Booms und Busts härter spüren — aber sie nehmen diese Volatilität in Kauf. Niedrige Verschuldung, aktive Kontrolle und geduldige Reinvestitionen verwandeln Abschwünge in Chancen: kaufen, sanieren, warten, verzinsen lassen.
Über die Zeit wird das, was für den kurzfristigen Trader nach Risiko aussieht, für den langfristigen Eigentümer zum Rückenwind.
Das ist nicht nur Geschichte auf Papier — das ist ein Playbook.
Und es prägt auch uns bei arvy.
Wir versuchen, genauso zu investieren: langfristig denken, wie Eigentümer handeln, Leverage vermeiden, fundamental solide Unternehmen unterstützen und das Compounding für uns arbeiten lassen.
Das ist unsere Übersetzung der Wallenberg-Lektion in alltägliche Portfolioentscheidungen.
Mit der sechsten Generation, die bei Investor AB antritt, zeigt die Dynastie keine Anzeichen des Nachlassens.
Was erhält man also, wenn man die Denkweise einer Dynastie mit Marktdisziplin und dem Horizont eines Eigentümers verbindet?
Eine Geschichte, die noch immer geschrieben wird.
Und ein Chart, der immer weiter steigt.
Chart 4: Investor AB in den letzten zehn Jahren, in EUR
