UBS: Der Mann in der Arena


„Als Aktionär bin ich natürlich froh über diesen Traumdeal“
– Joe Ackermann, NZZ Standpunkte, 17.04.2023
19. März 2023.
Hochzeit mit vorgehaltener Waffe.
Und Alfred Escher dreht sich im Grab um.
Es war das Ende der Credit Suisse. Die Katastrophe hatte sich schon lange angebahnt. In den 1990er-Jahren wurden die Fäden an amerikanische Investmentbanker übergeben, und die Weichen für einen Tod durch tausend Schnitte waren gestellt.
Es war unsere 167 Jahre alte historische Bank, die Escher 1856 als Schweizerische Kreditanstalt (SKA) gegründet hatte, um den Bau der Schweizer Eisenbahnen zu finanzieren. Es bleibt zu hoffen, dass dem Erbe Eschers mit seinem grossen Einfluss als Gründer oder Lenker weiterer traditionsreicher Institutionen wie der ETH, Swiss Life und der Schweizerischen Nordost- oder Gotthardbahn nicht dasselbe Schicksal widerfährt.
Mit der von der Schweiz inszenierten Übernahme der UBS ist die viertgrösste Bank der Welt entstanden, mit 120'000 Mitarbeitern und 5 Billionen Dollar verwaltetem Vermögen.
Die UBS hat ein Geschenk erhalten, oder wie Joe Ackermann es nannte: "Traumdeal". Dahinter verbirgt sich eine gewaltige Aufgabe, denn der neue Riese wird für die Schweiz "too big to fail" sein.
Um die grosse Herausforderung zu meistern, wählte der UBS-Verwaltungsrat die einzige wirkliche Person, die in Frage kam.
Jemanden, der die Bank gut kennt.
Sergio Ermotti.
Chart 1: Die Schweizerische Kreditanstalt (SKA) in Zürich, 1895

Ruf der Pflicht
Die Rückkehr von Sergio war Musik in meinen Ohren.
Nicht nur für mich als Co-Investor in meiner eigenen Strategie, sondern auch für die Unternehmen, in die ich investiere, möchte ich, dass die Leute für ihr Unternehmen, ihr Produkt und ihre Vision bluten.
Das beste Wort, um dies zu beschreiben, ist "Skin in the Game". Das ist ein sehr kraftvoller Motivations-faktor.
Ermotti war bereits von 2011 bis 2020 CEO von UBS und wurde dafür gelobt, das Unternehmen aus der Finanzkrise geführt zu haben.
In diesem Jahrzehnt legte er den Grundstein für den unverwechselbaren Vorsprung der Bank. Neben ihrer anerkannten Führungsposition im globalen Wealth Management verfügt UBS in Nord- und Südamerika über ungenutztes Potenzial. Die Fusion erweitert die Kompetenzen im Investment Banking (Leveraged Lending) und im Asset Management (höhere AuM) und verleiht dem diversifizierten Geschäftsmodell eine neue Dimension.
Als Nachfolger des früheren CEO Hamers, der UBS zu einem "Netflix des Wohlstands" machen wollte, zeigte er von Anfang an Engagement. "Es ist eine Herausforderung, in dieser Situation zurückzukommen, aber… Ich verspürte einen Ruf der Pflicht", sagte er.
Es sei eine Verantwortung für den Wirtschaftsstandort Schweiz, der er sich als Schweizer nicht entziehen könne.
Die Herausforderung anzunehmen, entspricht seinen früheren Bestrebungen. Während seiner Tätigkeit bei der UBS hatte er drei- oder viermal den Plan gefasst, die Credit Suisse zu übernehmen.
Oder, um es mit den Worten von UBS-Chef Kelleher zu sagen, "die beste Person, um diese Fusion durchzuführen".
Nun betritt Ermotti die Arena.
Chart 2: Von links: Ralph Hamers, Sergio Ermotti und Colm Kelleher (Präsident)

Es ist nicht der Kritiker, der zählt
Der Titel ist ikonisch.
Es ist der Anfang einer Passage aus einer sehr inspirierenden Rede von Theodore Roosevelt mit dem Titel "Citizenship in a Republic". Die bemerkenswerte Passage aus dieser Rede heisst "Der Mann in der Arena".
Und dieser Mann wird nun Sergio Ermotti sein. Er steht vor der grössten Herausforderung seiner Karriere.
Er wird eine Megafusion im Bankensektor beaufsichtigen und dem politischen Druck und den vielen Kritikern, die damit einhergehen, standhalten müssen.
Ich meine, denke mal eine Minute darüber nach.
Im Alter von 62 Jahren aus dem Ruhestand zu kommen, war nicht selbstverständlich. Seine andere Option war, einen Aperol Spritz zu trinken und die Sonne am Luganersee zu geniessen.
Was wäre Deine Entscheidung gewesen?
Mit der gestrigen Veröffentlichung des UBS-Ergebnisses und dem Verzicht auf die staatliche Stützungsmassnahme in Höhe von 10 Milliarden Dollar hat das Unternehmen deutlich gemacht, dass es einen Plan hat.
Ein Plan ist schön und gut, aber auf die Umsetzung kommt es an.
Chart 3: “Citizenship in a Republic” Rede von Th. Roosevelt, Sorbonne, Frankreich 1910

5% Plan, 95% Umsetzung
Bei arvy streben wir organisches Wachstum in Unternehmen an, wobei Übernahmen akzeptabel sein können, wenn sie angemessen sind. Grosse Übernahmen lehnen wir normalerweise ab.
Warum?
Weil es auf die Umsetzung ankommt. Und die geliebten, gross angepriesenen Synergien bleiben nach der anfänglichen Euphorie oft auf der Strecke.
Ich nehme die bekannte Startup-Formel zur Hand. Als Gründer wirst du auf so viele Hindernisse und Unbekannte stossen, dass dein Plan am Ende nur 5% der Gleichung ausmachen wird. 95% sind deine eigene Umsetzung und dein Wille, die Dinge zu erledigen.
Jeden einzelnen Tag.
Das wirft die Frage auf. Ist die Übernahme der Credit Suisse gross oder klein?
Einerseits ist sie mit einem Preisschild von 3,25 Milliarden Dollar wahrscheinlich sehr klein oder letztlich ein Schnäppchen. Allein die Schweizer Einheit der Credit Suisse (CSS) wird mit 18 Milliarden Dollar bewertet. Andererseits könnten die Zahl der Mitarbeiter, der "Bad Will" und das Erbe die Differenz leicht wettmachen.
Ich denke, Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine "Good Story" ist in der Entstehung.
Zur Erinnerung: Wir bevorzugen Unternehmen mit einer "Good Story" (Fundamentaldaten) & "Good Chart" (Kursverhalten).
Ein weiteres interessantes Ereignis?
Der UBS-Aktienkurs.
Eine Bodenbildung (EN: Base). Eine sehr lange Bodenbildung. 15 Jahre und mehr.
Ein "Good Chart" ist auch im Entstehen. Mir schwirrt eine Börsenweisheit im Kopf umher.
"The Longer the Base, the Higher the Space!"
Chart 4: UBS Group seit 1996

arvy's Fazit: Sergio Ermottis Rückkehr zu UBS ist ein Ruf der Pflicht. Angesichts der kolossalen Aufgabe, zwei Finanzgiganten unter intensiver Beobachtung zu fusionieren, verkörpert er Theodore Roosevelts "The Man in the Arena". Mit einem Plan in der Hand ist die Umsetzung das A und O, und Ermottis Bereitschaft, diese Herausforderung frontal anzugehen, zeugt von seinem Engagement für die Schweiz. Wenn er in die Arena schreitet, werden wir daran erinnert, dass nicht die Kritiker zählen, sondern diejenigen, die Grosses wagen.