S&P 500s beste Woche: Thanksgiving (Holiday-Effekt)


"Investieren ist nicht das Studium der Finanzen. Es ist die Lehre davon, wie Menschen sich mit Geld verhalten”
– Morgan Housel, Autor von Psychologie des Geldes
Psychologie.
Eine der mächtigsten Kräfte an den Finanzmärkten — besonders kurzfristig.
Deshalb haben wir Anleger so viele Akronyme und Etiketten entwickelt, um unsere emotionalen Reflexe zu beschreiben.
Du kennst sie alle:
Und natürlich die Emotionen an den Extremen. Die Euphorie, die Übertreibungen und Manien antreibt. Und die Angst, die sich in Panik verwandelt — und in Crashes.
Doch ein psychologischer Einfluss wird erstaunlich oft unterschätzt, obwohl er seit Jahrzehnten gut dokumentiert ist: Der Holiday-Effekt.
Saisonale Muster, ausgelöst durch Feiertage — kurze Phasen aus Optimismus, Ruhe, moderaterem Handel und erstaunlich konstanten Marktanstiegen.
Der bekannteste? Die Santa Rally.
Doch kommende Woche steht der stärkste saisonale Effekt von allen an.
Thanksgiving.
Chart 1: S&P-500-Saisonalität der letzten 20 Jahre (Ostern, Thanksgiving & Santa Rally)

Thanksgiving ist tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt — für viele ist es sogar der wichtigste Feiertag des Jahres.
Ja, noch wichtiger als Weihnachten.
Er findet immer am vierten Donnerstag im November statt — also gleich um die Ecke.
Und so sieht die typische Thanksgiving-Woche aus:
Diese Tradition — besonders die Shopping-Euphorie — hat längst die Schweiz erreicht.
Hier sprechen wir nicht nur von Black Friday, sondern von Black Week. Die Konsumenten gehen tagelang auf Schnäppchenjagd, und die Begeisterung ist enorm. Digitec Galaxus, der grösste Schweizer Online-Händler, meldete schon 100× mehr Website-Besucher als an einem normalen Tag.
Zurück in die USA.
Ein paar Tage mit der Familie. Viel Zeit, wenig Stress. Truthahn, Pausen, Feiern — und sehr viel Einkaufen.
Und genau hier kommt der Holiday-Effekt ins Spiel.
Thierry, du willst mir sagen, dass glückliche Menschen = steigende Aktienkurse bedeutet?
Ja, da hast du absolut Recht.
Chart 2: S&P 500 über die letzten 50 Jahre

Die Thanksgiving-Woche tendiert dazu, bullisch zu sein. Tatsächlich — es ist die beste Woche des ganzen Jahres.
Moment mal… niemand arbeitet, alle essen Truthahn, Familien versammeln sich, die Märkte sind kaum offen…
und genau diese Woche liefert die stärksten Renditen?
Ja. Genau das.
In den letzten 50 Jahren (Charts 2 & 3):
Over the last 50 years (Charts 2 & 3):
Was erklärt diese Marktanomalie in der Feiertagswoche?
Amerikaner nehmen notorisch wenig Urlaub — etwa zwei Wochen pro Jahr. Die Thanksgiving-Woche ist heilig: Zeit mit der Familie, Erholung, Comfort Food, Dankbarkeit. Glückliche Menschen nehmen weniger Risiken. Glückliche Menschen kaufen eher. Glückliche Menschen erzeugen einen leisen Aufwärtstrend an den Märkten.
Die Handelsvolumina sinken stark. Die Schreibtische sind halb leer. Die meisten Investoren wollen vor einem langen Wochenende keine Risiken eingehen. Sie bleiben einfach passiv, was Märkte stabilisiert — und Stabilität driftet oft nach oben.
Denke daran: Konsum macht 70 % des US-BIP aus. Thanksgiving läutet die Feiertagssaison ein, und Black Friday sowie Cyber Monday liefern frühzeitig Hinweise auf die Gesundheit des US-Konsumenten.
Adobe — ja, Adobe — veröffentlicht hochbeachtete Echtzeitdaten zu Verkäufen, Ausgaben und Volumina.
Die Thanksgiving-Woche ist also Teil Sentiment, Teil Psychologie, Teil Wirtschaft.
Und natürlich auch ein bisschen Retail-Therapie.
Chart 3: S&P 500 Renditen während der Thanksgiving-Woche

Die Erklärungen dafür, warum der Aktienmarkt in dieser Zeit so stark ist, bleiben genau das — Theorien.
Aber die Beweise?
Die sind unbestreitbar.
Der Holiday-Effekt — ob Ostern, Thanksgiving oder Santa Rally — zeigt sich konsequent über Jahrzehnte. Märkte tendieren einfach dazu, in diesen festlichen Zeitfenstern günstig zu reagieren.
Eine kleine Anekdote: Warum heisst es „Black Friday“?
Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Folklore und Finanzen.
Und genau das ist der Punkt. Wir müssen nicht überanalysieren, warum jede saisonale Aufwärtsbewegung passiert. Nicht jede Marktbewegung lässt sich auf eine Tabellenzelle, ein Regressionsmodell oder eine makroökonomische These reduzieren.
Manchmal ist es okay, den Effekt einfach zu akzeptieren und nicht dagegen anzukämpfen.
Märkte basieren auf Zahlen — aber sie bestehen auch aus Narrativen, Verhalten, Rhythmus und — gelegentlich — ein wenig Magie.
Also, für einmal: Lasst den Holiday-Effekt einfach Holiday-Effekt sein.
Frohes Thanksgiving an alle!
Team arvy.
Chart 4: Die Bullen geniessen ihren Thanksgiving-Truthahn dieses Jahr — der Bär bleibt zurück
