Mips: Das Hermès der Helm-Sicherheit

August 28, 2025 5 Minuten Lesezeit

“Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich oft.”

– Mark Twain

arvy's Teaser: Mips verwandelte Helme von Image-Accessoires zu einer Gehirn-Versicherung. Mit Margen auf Hermès-Niveau wurde ein gelber Aufkleber zum Symbol für Sicherheit. Aber auch der beste Schutz kann eine Aktie nicht vor dem Boom-Bust-Zyklus der Märkte schützen.


Cool aussehen und ungeschützt sein.

Oder uncool aussehen und geschützt sein.

Das war die Frage vor 20 Jahren, wenn ich mit dem Velo zur Schule fuhr. Gleiches im Skilager im Februar, wenn wir Kinder die Pisten runterdonnerten und so taten, als wären wir der nächste Didier Cuche. Damals ging es beim Helm nicht um Sicherheit — sondern um Image. Den Kopf (und wichtiger: das Gehirn) zu schützen, stand nicht oben auf der Prioritätenliste. Hauptsache, es sah cool aus (Chart 1).

Spulen wir vor. Heute gilt das Gegenteil. Ohne Helm Ski zu fahren, bedeutet nicht, cool zu sein — sondern leichtsinnig. Das soziale Urteil kommt sofort: Wie kannst du nur? Keine Angst vor Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen?

Genau dieser gesellschaftliche Wandel öffnete die Tür für einen Marktführer, der eine radikale Frage stellte — und zwar nicht im Marketingbüro, sondern im OP-Saal einer schwedischen Chirurgie: „Warum verhindern Helme eigentlich nicht besser schwere Gehirnverletzungen?“

Aus dieser simplen, aber fundamentalen Frage entstand jahrelange Forschung. Was als akademisches Projekt begann, entwickelte sich zu einer bahnbrechenden Technologie.

Und heute ist daraus eine Marke geworden, die du vielleicht schon besitzt, ohne es zu wissen.

Schau auf deinen Helm. Suche nach einem gelben Sticker.

Darauf steht:

Mips.

Chart 1: Die Entwicklung des Ski-Stils – 1980er/1990er: kein Helm in Sicht…

Source: Ski New Generation, Die Entwicklung des Ski-Stils

Von der Akademie ins echte Leben: Unser Gehirn retten

Eine Marke, die du vielleicht schon besitzt – ohne es zu wissen?

Ja.

Schau dir Chart 2 (den Helm) an – und dir wird vermutlich das gelbe Punkt-Logo bekannt vorkommen. Beim Pendeln mit dem Velo. Oder beim Anstehen am Skilift. Und falls es dir bisher noch nicht aufgefallen ist – nach diesem arvy’s Weekly wirst du es garantiert sehen.

Also, worum geht’s bei Mips?

Als Schweizer kann ich nicht anders, als den Vergleich zu On Shoes zu ziehen: Dort hat ein ETH-Ingenieur das Laufen neu erfunden. Hier war es ein Neurochirurg am Karolinska Institut in Stockholm, der die Helmsicherheit neu definiert hat.

Mips liefert eine entscheidende Komponente an Helmhersteller – mit einem strategischen Lizenzmodell. Im Kern entwickelt das Unternehmen das Brain Protection System (BPS), vergibt die Produktion an Subunternehmer und liefert es schliesslich an die Helmproduzenten. Dafür kassiert Mips einerseits eine Implementierungsgebühr und andererseits eine Lizenzgebühr – für die Nutzung von IP, Technologie und Marketing, inklusive des ikonischen gelben Punktes.

Das Resultat?

Ein asset-light Geschäftsmodell.

Der eigentliche Geniestreich: Das gelbe Punkt-Logo, vorgeschrieben auf jedem Mips-Helm, ist ein sichtbares Qualitätssiegel für Sicherheit, das Vertrauen und Markenbekanntheit aufbaut. Im Effekt vermarktet sich Mips über die Produkte seiner Kunden – und wird dafür auch noch bezahlt.

Die Geschichte beginnt in den 1990er Jahren mit Professor Dr. Hans von Holst, der Hirntraumata erforschte und dabei auf eine schockierende Beobachtung stiess: Viele Patienten mit schweren Hirnverletzungen trugen Helme.

Der Schädel war intakt – aber das Gehirn verletzt.

Warum?

Traditionelle Helme schützten nur gegen lineare Aufschläge – nicht gegen Rotationskräfte, die das Gehirn im Schädel verdrehen.

Von Holst und sein Team fanden die Lösung.

Das Ergebnis war das BPS: eine dünne, reibungsarme Schicht – oft gelb – die im Helm sitzt (Chart 2). Bei schrägen Aufschlägen kann der Helm dadurch leicht gleiten, die Rotationsbewegung wird reduziert – und das Risiko von Hirnverletzungen sinkt.

Ach ja – bevor ich’s vergesse: Mips steht für Multi-directional Impact Protection System.

So. Genug Akademie und Abkürzungen für einen Freitagmorgen.

Zeit, die Fundamentaldaten dieser „Good Story“ anzuschauen.

Chart 2: Mips Umsatz- und EBIT-Wachstum seit 2014 (Börsengang 2017)

Source: Quartr

Kühne Vision wird zu genialem Marketing

Mips begann mit einer kühnen Vision.

2009 erklärten sie: „Unsere Vision ist es, dass die Mips-Technologie denselben Einfluss hat wie der Airbag in der Automobilindustrie – ein offensichtliches und unverhandelbares Sicherheitsfeature für jeden Helmnutzer.“

Schnitt ins Heute. Das schwedische Unternehmen ist inzwischen ein 1-Milliarden-Dollar-Business, das seit seinem Börsengang 2017 Umsatz und EBIT pro Jahr um 21 % bzw. 35 % steigert (Chart 2).

Aber Mips ruht sich nicht auf Erfolgen aus.

2021 starteten sie ein virtuelles Testlabor, das inzwischen über 100’000 Helmtests simuliert hat – Entwicklung beschleunigt, Sicherheitsvalidierung vereinfacht.

Auf der einen Seite häuft Mips weiter Patente an (über 400 bisher) – ihr erster Burggraben: geistiges Eigentum (IP).

Auf der anderen Seite – wissend, dass Patente irgendwann auslaufen – bauen sie etwas auf, das noch schwerer zu kopieren ist: Markenbewusstsein.

Der gelbe Sticker wird zum Synonym für: „Mein Kopf und Gehirn sind sicher.“

Und seien wir ehrlich - wenn du am Wochenende durch ein Sportgeschäft gehst, weil du gerade bemerkt hast, dass dein Helm nicht den gelben Punkt trägt, wirst du zweimal nachdenken.

Ohne ihn?

Fühlst du dich wie die Person, die gerade vor 10’000 arvy’s Weekly-Lesern zugegeben hat: „Jap, ich habe nicht den besten Schutz für meinen Kopf.“

Kein gelber Sticker. Keine volle Sicherheit.

Geniales Marketing.

Derzeit verteidigt Mips sein Terrain mit bahnbrechender Technologie und einem konsumentenorientierten Marken-Burggraben.

Die Zahlen sprechen Bände: 73 % Bruttomarge, 27 % Nettomarge. Das ist nicht nur stark. Das ist Hermès-Profitabilität.

Aber – wie jede „Good Story“ lehrt – gibt es immer einen Bösewicht.

Für Mips war das der Covid-Boom-Bust-Zyklus.

Als die Lockdowns kamen, entdeckten alle wieder die Natur, legten sich neue Hobbys zu und gingen raus – Camping, Wandern, Radfahren. Die Nachfrage nach Helmen explodierte, und Mips surfte die Welle. Hersteller fuhren die Produktion hoch, in der Annahme, der Trend sei dauerhaft.

War er aber nicht.

Die Nachfrage normalisierte sich, das Angebot schwemmte den Markt – der Schwung brach.

Das Ergebnis?

Ein „Good Chart“-Muster, das du garantiert schon mal gesehen hast.

Der Stock Price Maturation Cycle (Chart 3).

Lass uns schauen, wie er sich entfaltet.

Chart 3: Stock Price Maturation Cycle (Aktienkurs-Reifezyklus) von Stan Weinstein

Source: arvy, Stan Weinstein’s – Secrets for Profiting in Bull and Bear Markets

Stock Price Maturation Cycle – Aktienkurs-Reifezyklus

140 Jahre Börsengeschichte – mit den besten Daten aus den USA – zeigen ein klares Muster. Marktführer und Wachstumsaktien folgen meist einem vertrauten Rhythmus.

Ausführlich analysiert wurde das von Stan Weinstein, der tausende Charts studierte und das Muster in seinem Klassiker “Secrets for Profiting in Bull and Bear Markets” dokumentierte.

Er nannte es den „Stock Price Maturation Cycle“ (siehe nochmal Chart 3). Oh ja, ich weiss – wir alle sind ein bisschen neidisch auf seine Frisur.

Kurz gesagt: Eine Wachstumsaktie oder ein Marktführer durchläuft typischerweise vier Phasen:

  • Stage 1: Basing Area (Konsolidierung)
  • Stage 2: Advancing Phase (Akkumulation)
  • Stage 3: Top Area (Distribution)
  • Stage 4: Declining Phase (Kapitulation)

Und jetzt der schmerzhafte Teil.

Sobald eine Aktie in Stage 4 – die Declining Phase – eintritt, korrigiert sie historisch gesehen im Schnitt um 72 % und benötigt etwa fünf Jahre, um sich zu erholen.

Oder wie Mark Twain es formulierte: „Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“

Ein Blick auf Chart 4 zeigt: Unsere geliebte Mips hat sich fast perfekt an diesen Zyklus gehalten – mit einem Minus von 78 %.

Seit drei Jahren steckt die Aktie wieder in Stage 1 fest – Konsolidierung.

Investoren warten nun (und hoffen), dass der Ausbruch in Stage 2 gelingt. Die nächste Akkumulations- und Wachstumsphase.

Nebenbei: Ähnliche Muster kannst du auch bei Novo Nordisk, PayPal, Ark Innovation und Alibaba beobachten – ideal, um das Auge zu schulen.

Aber fürs Erste bleibt nur ein Rezept: Geduld.

Zumindest jenseits des «Good Charts» hat dir diese «Good Story» vielleicht eine Technologie nähergebracht, die du noch nicht kanntest – und dich vielleicht dazu inspiriert, in etwas Handfesteres zu investieren.

Deine eigene Sicherheit.

Denn wir bei arvy haben das längst getan.

Und du findest uns beim Radfahren oder Skifahren immer mit einem Helm, der stolz trägt…

… den gelben Sticker.

Chart 4: Mips seit dem Börsengang im Jahr 2017, logarithmische Skala

Source: TradingView